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Fünf Kennzahlen, die ich in jeder Restrukturierung zuerst prüfe

  • Autorenbild: CarstenZaremba
    CarstenZaremba
  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Die meisten Restrukturierungen beginnen nicht mit einem plötzlichen Problem. Sondern mit Zahlen, die monatelang ignoriert wurden. Die Signale sind meist lange vorher sichtbar. Man muss nur wissen, wohin man schaut.

In Restrukturierungen prüfe ich deshalb immer zuerst fünf Kennzahlen. Nicht weil sie alles erklären. Sondern weil sie fast immer das Muster zeigen, das längst hätte auffallen müssen.


1. DSO steigt seit drei Monaten

DSO – Days Sales Outstanding – misst, wie lange es dauert bis Kunden ihre Rechnungen bezahlen. Wenn dieser Wert über drei Monate steigt, ist das kein Zufall mehr.

Entweder funktioniert das Mahnwesen nicht. Oder – und das ist häufiger – die Kunden haben selbst ein Problem und strecken ihre eigenen Zahlungen. Beides ist ein Warnsignal. Aber der zweite Fall ist gefährlicher, weil er bedeutet: Das Problem sitzt nicht im eigenen Unternehmen, sondern in der Kundenstruktur.

Ein steigender DSO ist oft der früheste Hinweis auf eine Liquiditätskrise, die sich anbahnt – Wochen bevor sie in der GuV sichtbar wird.


2. Rohertragsmarge sinkt, Umsatz bleibt stabil

Der Umsatz sieht gut aus. Aber pro Euro verdient das Unternehmen weniger. Das ist eine der tückischsten Konstellationen, weil sie lange unsichtbar bleibt.

Ursachen gibt es viele: gestiegene Einkaufspreise, die nicht weitergegeben wurden. Rabatte, die im Vertrieb still gewährt werden. Kundenstruktur, die sich in Richtung margenschwacher Aufträge verschoben hat. Oder schlicht: das Geschäftsmodell, das unter veränderten Marktbedingungen nicht mehr funktioniert.

Wer nur auf den Umsatz schaut, sieht dieses Problem nicht. Wer auf die Rohertragsmarge schaut, sieht es früh genug, um zu reagieren.


3. Verbindlichkeiten gegenüber Lieferanten wachsen

Zahlungen an Lieferanten werden gestreckt. Das klingt zunächst nach normalem Liquiditätsmanagement. Aber wenn es zum Muster wird, ist es ein Symptom.

Lieferanten merken das oft früher als Banken. Sie sprechen natürlich nicht darüber – aber sie reagieren: kürzere Zahlungsziele, Vorkasse, reduzierte Lieferbereitschaft. Wer plötzlich von Lieferanten unter Druck gesetzt wird, hat oft längst ein Liquiditätsproblem, das intern noch nicht als solches anerkannt wurde.

Wachsende Verbindlichkeiten gegenüber Lieferanten sind deshalb kein Bilanzkosmetikproblem – sie sind ein Liquiditätsindikator.


4. Kreditlinie ist dauerhaft gezogen

Ein Kontokorrentkredit ist für Schwankungen da. Er sollte sich über den Monat auf- und abbauen. Wenn er nie mehr auf null geht, ist er kein Puffer mehr – er ist strukturelle Finanzierung.

Das bedeutet: Das Unternehmen finanziert sein laufendes Geschäft mit kurzfristigem Kredit. Das ist teuer, fragil und ein klares Zeichen dafür, dass die operative Liquidität nicht ausreicht.

Banken sehen das natürlich. Aber sie sagen es selten direkt. Sie erhöhen stattdessen still die Anforderungen beim nächsten Gespräch – oder kündigen die Linie, wenn es am schlechtesten passt.


5. Liquidität in acht Wochen unbekannt

Das ist für mich das schärfste Signal von allen. Nicht ungefähr. Nicht grob. Gar nicht.

Wenn ein Geschäftsführer nicht sagen kann, ob das Unternehmen in acht Wochen noch zahlungsfähig ist, hat das Unternehmen kein Planungsproblem. Es hat ein Führungsproblem.

Die 13-Wochen-Liquiditätsplanung ist das erste Instrument, das ich in jeder Restrukturierung aufsetze. Nicht weil es kompliziert wäre – sondern weil ohne sie alle anderen Entscheidungen im Nebel getroffen werden. Wer seinen Cashflow nicht kennt, steuert blind.


Was diese fünf Kennzahlen gemeinsam haben

Sie sind alle in den normalen Monatszahlen versteckt. Kein externes Audit nötig. Keine Sonderauswertung. Nur der Wille, genau hinzuschauen.

Das Problem ist nicht, dass diese Zahlen nicht vorhanden sind. Das Problem ist, dass sie nicht als Warnsignale interpretiert werden – weil niemand explizit danach schaut. Weil das Tagesgeschäft drängt. Weil die Zahlen noch erklärbar wirken.

Bis sie es nicht mehr sind.


Wer diese fünf Kennzahlen monatlich im Blick hat, erkennt die Krise bevor sie den Namen verdient. Und hat noch die Wahl, was er dagegen tut.

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